Gemeinwesen Macht Demokratie

18. Werkstatt für Gemeinwesenarbeit Gemeinwesen Macht Demokratie

Eisenach (Haus Hainstein), 20. Juni bis 22. Juni 2018

Die Werkstatt für Gemeinwesenarbeit (GWA) ist seit Jahrzehnten der zentrale Ort des Austauschs und der Diskussion aktueller Entwicklungen der Gemeinwesenarbeit. Im zweijährigen Rhythmus treffen sich Fachleute aus Praxis, Forschung und Lehre aus allen Arbeitsfeldern der sozialen Arbeit und aus der GWA, um Theorie und Praxis fundiert, kreativ und aktuell weiter zu entwickeln.

GWA-Werkstätten orientieren sich thematisch an aktuellen gesellschaftlichen Prozessen und greifen Fragestellungen auf, die das Gemeinwesen betreffen. Die Deutsche Gesellschaft für soziale Arbeit widmet sich in ihren Aktivitäten dem Themenkomplex “Demokratiebildung“ in der sozialen Arbeit. Wie schon in den Jahren zuvor, bildet die GWA-Werkstatt eine thematische Nahtstelle zwischen aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und aktuellem sozialarbeiterischen fachlichen Diskurs. Die Arbeit während der Tagung ist auf die auf Beteiligung Aller ausgerichtet. In den bisherigen Werkstätten entstanden wegweisende Konzepte der GWA, der Quartiersarbeit und der Sozialraumarbeit.

Die Tagung wurde inhaltlich entwickelt durch Mitarbeiter*innen von BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, Bundesakademie für Kirche und Diakonie, DGSA Sektion GWA, Nachbarschaftshaus Urbanstraße Berlin, Stiftung Mitarbeit und VskA // Verband für sozial-kulturelle Arbeit.

Inhalt der Tagung

Viele Menschen fühlen sich politisch nicht wahrgenommen oder haben Angst, wirtschaftlich abgehängt zu werden. Die vormals diagnostizierte Politikmüdigkeit scheint sich in generelle Abwehrhaltungen und -handlungen umzuformen. Demokratiefeindliche Bewegungen und Parteien erstarken, Aus- und Abgrenzungsbedürfnisse werden in Sprache und Handeln radikaler.

In diesem Szenario werden in Wohngebieten, Stadteilen und im Gemeinwesen Gelingensfaktoren für aktivierende, auf Teilhabe und Teilnahme beruhende Konzepte für den Alltag schwieriger zu gestalten.
Gemeinwesenarbeit steht vor der großen Herausforderung, auf lokaler Ebene Demokratieprozesse (wieder) in Gang zu bringen. Empowerment und Partizipation sind Grundlagen für erfolgreiche Gemeinwesensarbeit. Aushandlungsprozesse müssen so gestaltet werden, dass sich Gruppen und Milieus in ihrem Zusammenleben als gemeinsam wirksame Akteure erleben.

Die 18. Werkstatt für Gemeinwesensarbeit bietet eine Plattform, unterschiedliche Arbeitsfelder und vielfältige Handelnde Personen zu vernetzen und kooperativ neue Ideen und Strategien für die jeweiligen Handlungsfelder zu entwickeln. Neben Impulsvorträgen und strukturierten Arbeitsgruppen und Workshops bietet die Tagung viel Platz für informelle Gespräche, Diskussionen und kontroverse Debatten. Offene Formate sollen allen Personen die Möglichkeit geben, sowohl als Impulsgeber*in, Expert*in aber auch Lernende an der Tagung teilzuhaben.

Teilnehmen können alle Personen, die an demokratischer Auseinandersetzung im Gemeinwesen und an der Weiterentwicklung des eigenen Arbeitsfeldes interessiert sind. Die Tagung ist auf 80 Personen begrenzt, deshalb empfiehlt sich eine rasche Anmeldung.

Mittwoch, 20. Juni

13:00 Uhr Registrierung und kleiner Imbiss

15:00 Uhr Beginn der Tagung
Begrüßung durch Vertreterinnen und Vertreter der Bundesakademie für Kirche und Diakonie, BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, DGSA Sektion Gemeinwesensarbeit
Moderation Eva-Maria Antz, Stiftung Mitarbeit und Frank Dölker, Bundesakademie für Kirche und Diakonie

15:30 Uhr „Gemeinwesen Macht Demokratie“
Martina Ritter, Hochschule Fulda

16:30 Uhr Beteiligung und demokratische Mitbestimmung in der Postmigrantischen Gesellschaft (Arbeitstitel), Vassilis Tsianos, Hochschule Hamburg (HAW)

17:30 Uhr Fishbowl mit den Vortragenden

18:15 Uhr Abendessen

20:00 Uhr Multimediale Lesung „Wörterbuch des besorgten Bürgers“ Robert Feustel und Nancy Grochol

Donnerstag 21. Juni

9:00 Uhr Impulsreferat „Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus im Quartier – Chancen und Grenzen der GWA“, Günter Rausch, Sprecher der Sektion GWA

10:00 Uhr bis 13:00 Uhr

7 Arbeitsgruppen, die jeweils vormittags und nachmittags stattfinden, damit alle Teilnehmenden an zwei verschiedenen AGs teilnehmen können.

AG 1 Selbstwirksamkeit und Demokratie im ländlichen Raum

Die Idylle der Dorfgemeinschaft ist eine Illusion, die Dörfer sind Schlafdörfer wie es auch Schlafsiedlungen gibt, die Funktionsteilung im ländlichen Raum ist tief und räumlich weit. Aufbauend auf den Erfahrungen, die die Referent*innen im kleinstädtischen und dörflichen Milieu gesammelt haben werden in dem Workshop auch die Stadt-Dorf-Beziehungen eine Rolle spielen. Im moderierten Dialog gehen wir den Fragen nach:

  • Wie sieht der Sozialraum aus, der in den eingemeindeten Dörfern entsteht?
  • Welche Identität haben die Menschen als Bürger dieser flächigen Kleinstädte und gebliebene Bewohner
    ihrer Dörfer?
  • Wer (er)hält den sozialen Raum, in dem gibt es wenig bis keine professionelle Soziale Arbeit gibt?
  • Können das ehrenamtliche Ortsbürgermeister oder „Dorfkümmerer“ leisten?

Gleichzeitig möchten wir mit den Teilnehmenden erarbeiten, welche passenden Formate es geben könnte, um die demokratische Teilhabe zu ermöglichen.

Babette Scurell, Neulandgewinner, Marion Zosel-Mohr, Engagierte Stadt Stendal und wie die Erfahrungen in noch kleinere Städte getragen werden, Mario Ledderhose, der im Frühjahr eine Bürgerwerkstatt durchführen wird

AG 2 „Können Nachbarschaften zu Orten politischer Bildung und Auseinandersetzung werden? – Überlegungen und Beispiele“
Demokratie muss Erfahrungsräume schaffen, in denen Menschen sich in ihrer Verschiedenheit begegnen und akzeptieren können. Ein intaktes Quartier ist auf Gelegenheiten angewiesen, bei denen sich Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnen und voneinander und miteinander lernen. Im Mittelpunkt des Workshops stehen die Bedeutung von Nachbarschaften sowie Entwicklungen zu „nachbarschaftsfähigen“ Quartieren und der Beitrag von Quartierszentren zur Stärkung der Zivilgesellschaft und lokalen Identitäten.

Prof. Irmgard Teske, Sektion GWA
Heike Binne, Quartiermanagerin, Leiterin Mehrgenerationenhaus – Haus der Zukunft

AG 3 „Gemeinwesendiakonie – Öffnung von Kirchengemeinden in das Gemeinwesen, mit dem ZielDemokratisierung und Beteiligung auf lokaler Ebene zu ermöglichen“
Jörg Stoffregen, Nordkirche
Margarete Reinel, Diakonie Hessen Nassau

AG 4 „Demokratie im Quartier“
Der Stadtteil ist ein Ort zur Förderung demokratischer Prozesse. Wie gelingt dort ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander? Wie könnten sich Nachbarschaften zu Diskursorten entwickeln? Und wie finden die, die von Teilhabe ausgegrenzt sind, Gehör? Erfahrungen mit Beteiligungs- und Dialogformaten werden vorgestellt und diskutiert. Im gemeinsamen Austausch wird der Frage nachgegangen, welche Instrumente und Methoden Demokratie im Quartier ermöglichen und welche Rahmenbedingungen es hierfür braucht.

Karin Schmalriede, Lawaetz-Stiftung Hamburg
Bahar Sanli, Nachbarschaftshaus Urbanstr., Berlin
Noura Labanieh, Salzgitter
Moderation Eva-Maria Antz, Milena Riede

AG 5 Ohne Moos nix los – Die Ökonomie der Gemeinwesenarbeit

In diesem Workshop werden wir uns mit Fragen der Finanzierung von GWA befassen (was sind bewährte Förderkulissen, neu entstehende Programme, wo wird es enger?). GWA ist nur sehr bedingt mit den gängigen wohlfahrtsstaatlichen Finanzströmen kompatibel. Sie spricht Menschen in der Regel nicht als Adressat_innen oder Klient_innen von Hilfesystemen an, sondern adressiert sie als Bürger_in oder als Bewohner_in bei der Gestaltung ihres Gemeinwesens. Das spezifische Augenmerk der GWA gilt dabei insbesondere den „schwachen Interessen“. Ein wesentlicher demokratiefördernder Wert von GWA liegt darin, dass sie mithilfe von Bewohnerversammlungen, Hinterhofgesprächen, Info-Ständen und Treppenhausmeetings die Diskussion offenhält für unerwartete und nicht allein an aktuellen Leitbildern und vorgegebenen Programmen orientierte Forderungen der Menschen vor Ort. Für diese Form der professionellen Demokratieförderung und der Bildung als und zur Bürger_in gibt es jedoch meist keine naheliegende Budget- und Ressortzuordnung. Die Finanzierung einer ganzheitlichen, themen-, zielgruppen- und ressortübergreifenden Sozialen Arbeit im Sinne der Gemeinwesenarbeit ist im Sozialrecht nicht verankert. Bis heute hat es GWA daher nicht geschafft zu einer kommunalen Regelstruktur zu werden. GWA wird häufig als sogenannte freiwillige Leistung in den Kommunen aus höchst unterschiedlichen Ressorts heraus finanziert. Als Input werden in dem Workshop zum Einen Zwischenergebnisse aus dem aktuellen Forschungsprojekt der Sektion Gemeinwesenarbeit zu „Finanzierungsformen und Handlungsfeldern der Gemeinwesenarbeit“ eingebracht. Zum anderen wird die neue Landes-Finanzierung für GWA in Niedersachsen als ein praktisches Beispiel gelungener neuer Finanzierungsvarianten vorgestellt.
Gemeinsam wollen wir dann sich neu anbietende Entwicklungspotenziale als auch bewährte Programmperspektiven, Förderkulissen und Finanzierungsformen für GWA identifizieren. Gleichzeitig sollen auch aktuelle Prekarisierungs- und Disziplinierungstendenzen von GWA-Praxis herausgearbeitet werden.

Markus Kissling (LAG Soziale Brennpunkte Niedersachsen)
Oliver Fehren, Edi Martin, Maren Schreier (Forschungs-AG der Sektion Gemeinwesenarbeit der DGSA)

AG 6 „Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Gemeinwesenenarbeit“

Digitalisierung wird derzeit als wesentlicher Transformationsmotor von Arbeits- und Lebenswelten diskutiert. Dabei ist u.a. die Rede von der Smart City, Big Data, Effizienzgewinnen, neuen Spielräumen für Bürgerbeteiligung bei gleichzeitiger Sorge zunehmender Kontrolle durch private und staatliche Organisationen. Auch die Gemeinwesenarbeit ist durch neue Formen der digitalen Kommunikation, der webbasierten Beteiligung und einem Zuwachs von Nachbarschaftsplattformen herausgefordert, sich den veränderten Rahmenbedingungen zu stellen, Potenziale zu nutzen, Methoden anzupassen und zu erweitern. Im Rahmen des Workshops soll nach einem kurzen Input der gemeinsame Austausch über Möglichkeiten und Risiken der Digitalisierung im Vordergrund stehen. Eine leitende Fragestellung ist: Inwieweit kann digitale Kommunikation Beteiligungs- und Demokratisierungsprozesse unterstützen? Neben der Vorstellung und Diskussion von Praxisbeispielen besteht die Möglichkeit erste Schritte zur Erstellung einer socialmedia-basierten Kommunikationsplattform zu erlernen.

Paul Hendricksen, Universität Duisburg-Essen, Institut für Stadtteilentwicklung,Sozialraumorientierte Arbeit und
Beratung

AG 7 „Eine Frage der Haltung – Kulturelle Kompetenz und ihre Bedeutung für Soziale Arbeit als demokratisches Handeln“

Transkulturelle Kompetenz kann für die soziale, politische und kulturelle Praxis und ihre Aushandlungsprozesse als eine Schlüsselkompetenz begriffen werden. Sie ist vertrauensbildender Indikator für die Offenheit einer sozialen Einrichtung. Sie fördert den Zugang zu Teilhabemöglichkeiten und damit das Gelingen von Strategien des Empowerments.
In dem Workshop erarbeiten und diskutieren wir Voraussetzungen transkultureller Kompetenz und ihre Wirkung für die Gemeinwesenarbeit. Hierzu gehört die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Differenz von uns selbst und unserer Arbeit genauso, wie den Zusammenhang von Privileg und Deutungshoheit der Mehrheitsgesellschaft als Teile eines Machtgefüges zu erkennen.

Aninka Ebert, Bundesakademie für Kirche und Diakonie, Projektleiterin im Bereich Gemeinwesen – Demokratie
– Inklusion zum Schwerpunkt Integration – inter-/transkulturelle Kompetenz
Özcan Karadeniz, Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V., stellvertretender Vorsitzender
Migrantenbeirat Leipzig

13:00 Uhr bis 14:30 Uhr Mittagspause

14:30 Uhr Impulsreferat aus der BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit
Markus Kissling, Barbara Rehbehn (Vorstand BAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit)

15:00 Uhr bis 17:30 Uhr Wiederholung der Arbeitsgruppen

17:30 Uhr bis 18:30 Uhr Podiumsdiskussion (Akteure der GWA Werkstatt)

19:00 Uhr Abendessen

Freitag 22. Juni

9:30 Uhr Plenum
Die Werkstatt: WorldCafé mit aktuellen und brisanten Themen, die sich während der Tagung neu zeigen.

11:30 Uhr Abschluss und Resümee mit dem Bericht des Tagungsbeobachters Markus Runge, Nachbarschaftshaus Urbanstraße, Berlin

12:00 Uhr Ende

12.30 Uhr Gemeinsames Abschlussessen